Wetterauer Zeitung - Relikte des Grauens im »Old-Brother’s-Castle«

Old Brothers SchildDas Kapitel »Schlitzer« dürfte für die Bewohner der Gettenauer Wiesengasse endgültig der Vergangenheit angehören. Martina und Werner Schubert haben die Hofreite von Patrick W. gekauft und an eine weitere Nachbarin vermietet.

Alle drei sind Mitglieder der Grätsche gegen Rechtsaußen. Auch der Verein selbst soll in der ehemaligen Nazi-Hochburg Raum bekommen. Noch sind die Schuberts fleißig am renovieren – dabei entdecken sie auch jede Menge rechtsradikale Überbleibsel.

Auf dem Tresen liegen die Duschköpfe, aus denen einst der Nebel strömte. Auch die dazugehörigen Halterungen sind noch an der Decke montiert, eine passende Gasflasche steht in der Ecke – und in der Mitte des heruntergekommenen Raums ragt eine Pole-Dance-Stange hervor: willkommen im »Old-Brother’s-Castle«, das Gruselkabinett des Patrick W. In der ehemaligen Stallung hat der 27-jährige Gettenauer jene perfiden Gaskammerpartys gefeiert, die nicht nur in der Wiesengasse für Empörung sorgten.

Doch die Zeiten sind vorbei, seit März 2012 sitzt der selbsternannte »Schlitzer« wegen zweier Körperverletzungen im Gefängnis. Im Dezember 2012 wurde er zudem unter anderem wegen Drogenhandel, Körperverletzung und Volksverhetzung zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt. Jetzt haben seine einstigen Nachbarn die Wiesengasse endgültig zurückerobert: Das Ehepaar Schubert hat die Hofreite gekauft und an eine weitere Nachbarin vermietet. Zudem soll der Verein Grätsche gegen Rechtsaußen Räume erhalten.

»Mitglieder der Grätsche haben das Haus gekauft, Mitglieder der Grätsche mieten es, und der Verein Grätsche erhält ebenfalls ein Raum. Das nenne ich einen Erfolg«, freut sich Martina Schubert, zusammen mit Ehemann Werner neue Besitzerin der Hofreite.

Schon zum ersten Zwangsversteigerungstermin waren die Schuberts gekommen. »Da war uns aber noch nicht klar, ob wir die Hofreite kaufen wollten«, sagt Martina Schubert. Als sie sich dann dafür entschieden, wollten sie nicht bis zum zweiten Zwangsversteigerungstermin warten. »Der Preis ist ja runtergegangen, das hätte sich jeder leisten können«, erzählt Werner Schubert. Es sei ein beklemmendes Gefühl gewesen, nicht zu wissen, wer als nächstes einzieht. »Noch einen Rechten hätten wir nicht ausgehalten«, sagt er. »Also haben wir selber zugeschlagen.« Deutlich mehr als die beim zweiten Zwangsversteigerungstermin aufgerufenen 130 000 Euro habe das Paar bezahlt, sagt Schubert.

Das Zusammenkommen des Geschäfts wirkt skurril: Werner Schubert hat Patrick W. im Gießener Landgericht angesprochen – genauer gesagt bei einem Toilettengang. Doch Schubert war nicht als Besucher bei der Verhandlung von Patrick W.: Er war Zeuge. Werner Schubert ist jener Mann, der im Mai 2010 auf eine Leiter stieg, um an der Fassade des »Old-Brother’s-Castle« eine Kamera wegzudrehen. Partygäste von W. bemerkten die Aktion und zerrten ihn von der Leiter. Ohne Hose flüchtete Schubert. Der Vorfall beschäftigte auch das Gericht, da W. die Szene filmte und ins Internet stellte.

»Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe«, sagt Schubert. Die Verhandlung mit W., beziehungsweise später mit dessen Vater, sei rein geschäftlich gewesen – und sehr harmonisch, wie Martina Schubert betont: »Wir hätten das auch nicht für möglich gehalten.« Der Kauf wurde Ende Dezember abgewickelt, seit gut einem Monat wird renoviert. Von dem ehemaligen Schießzimmer ist nichts mehr zu sehen: Vor der Renovierung klafften etliche Einschusslöcher in der Wand des kleinen Nebenraums, inzwischen erinnert nichts mehr an die Schießübungen der Old Brothers. Doch gänzlich sind die Relikte der Wetterauer Nazi-Hochburg nicht verschwunden. In einer Ecke des einstigen Partyraums stapeln sich CDs mit Titeln wie »heil -froh«, »Sturm 18« oder »Hier kommt der Schrecken aller linken Spießer und Pauker«, eine NPD-Schulhof-CD. Neben frauenverachtenden Sprüchen an den Wänden finden sich vor allem im ehemaligen Tattoo-Studio etliche Nazi-Reliquien. Skizzen von Hakenkreuzen, Naziflaggen und Poster zeugen vom Gedankengut des ehemaligen Besitzers.

Neue Mieter frühere Opfers W.s

Das Haupthaus hingegen ist fertig renoviert, die neuen Mieter sind schon eingezogen. Auch sie wissen von Patrick W. ein Lied zu singen: Nachdem sich der Nachbar im Oktober 2009 über eine laute Feier beschwert hatte, wurde er übel zusammengeschlagen. W. wurde dafür später zu einer siebenmonatigen Freiheitsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt.

Manfred Linss, Vorsitzender der Grätsche gegen Rechtsaußen, ist froh, dass diese Zeiten nun vorbei sind: Auch wenn die »Relikte des Grauens« noch entfernt werden müssten, sei er stolz auf das, was hier geleistet worden sei. »Das sind alles Menschen, die sich von Anfang an engagiert haben«, sagt er beim Rundgang über das Gelände. Ein Blick über den Hof verrät, dass hier viel gearbeitet wird: Überall stehen Bauschutt, morsche Bretter und Werkzeug herum. Das deutlichste Zeichen, dass sich der Wind in der Wiesengasse gedreht hat, ist das große Schild der Old-Brothers. Früher prangte es hoch oben am Eingang des Anwesens, jetzt steht es neben dem anderen Müll zum Wegwerfen bereit. Nicht das einzige Symbol, das Linss ausgemacht hat. »Früher war das hier der Dreh- und Angelpunkt des Bösen. Dass die Hofreite jetzt von engagierten Nachbarn übernommen worden ist, hat ganz klar eine Symbolwirkung.«

»Weiterhin gegen Rechts kämpfen«

Weniger erfreut ist der Geschäftsführer der Grätsche über das Verhalten der Gemeinde. »Als klar wurde, dass die Hofreite versteigert wird, haben wir jede Menge Vorschläge gemacht, was mit den Räumen passieren könne. Uns war vor allem wichtig, dass nicht wieder Rechte hier einziehen.« Der Grätsche sei vorgeschwebt, einen Jugendclub oder aber den Förderverein der Schule dort anzusiedeln. Doch laut Linss habe die Gemeinde nicht reagiert. »Uns ist klar, dass die Gemeinde in Zeiten leerer Kassen nicht das Gebäude hätte kaufen können. Aber man muss sich doch zumindest mit der Sache beschäftigen«, ärgert sich Linss. Aber nur kurz, denn um so erfreulicher sei es, dass die Zivilgesellschaft sich der Sache angenommen und das Gebäude gekauft habe. »Das ist einmalig.«

Für Werner Schubert ist der Kauf der Hofreite gleichzeitig ein Punkt, mit der Vergangenheit abzuschließen. Der neue Besitzer des ehemaligen »Old-Brother’s-Castle« scheint keinen Groll gegen Patrick W. zu hegen: »Der Mann hat seine gerechte Strafe bekommen. Damit sollte es aber auch gut sein, die Sache gehört vergessen.« Doch auch wenn der »Schlitzer« aus der Wiesengasse verschwunden ist, für die Schuberts steht fest: »Wir werden weiterhin gegen Rechtsradikale kämpfen.

 

© Wetterauer Zeitung  02.02.2013

 

 
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