Grätsche Poetry Slam

Grätsche Poetry Slam

am 6. Oktober 2017 um 19.30 Uhr im Stern in Echzell


„Grätsche gegen Rechtsaussen“ erhält Ehrenamtspreis der SPD-Wetterau 2013

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste, liebe Preisträger,

wenn wir in den vergangenen Jahren Vereine geehrt haben, waren das in aller Regel Vereine und Gruppierungen die schon seit Jahrzehnten aktiv waren. Wenn wir heute Abend einen Verein dabei haben, der als eV. erst seit 3 Jahren existiert, dann muss es wohl einen anderen Grund haben als die, sehr wichtige, Honorierung langjährigen Engagements. Hier und jetzt geht es um die besondere Aufgabenstellung die sich der Verein zu Eigen gemacht hat und um die Art und Weise wie er das tut.

Einem Verein zur Förderung demokratischen Bewusstseins, so beschreibt sich der Verein selbst auf seiner wunderbar aufgemachten und aktuellen Homepage. Das ist schon mal sehr ungewöhnlich in Zeiten, in denen politisches Engagement nicht gerade „in“ ist, und gerade junge Leute sich am ehesten noch an singulären Aktionen beteiligen, die sie gerade aktuell betreffen.

Und so ist es auch kein Zufall, dass der Anlass zur organisierten Arbeit ein aktuelles einzelnes Ereignis war, nämlich der Zuzug offensichtlich rechtsradikaler Menschen nach Echzell und in der Folge die mehr oder weniger offene Veranstaltung von Neonazitreffen in der dann in kurzer Zeit landesweit bekannten Hofreite. Es ehrt die Echzeller, das die bald gegründete Bürgervereinigung sehr deutlich dokumentiert hat, das Echzell das nicht gewillt ist zu akzeptieren und 2010 mit einem überregional wahrgenommenen Festival gegen rechts Aufmerksamkeit erregt hat.

In Echzell hat die Rechtsextremistische Gruppe eine perfide Mischung aus Jugendclub, tabledance-bar und Agitation benutzt um Jugendliche und junge Erwachsene in ihr Lager zu ziehen. Pöbeleien und Bedrohungen der Nachbarschaft waren an der Tagesordnung. Die unmittelbare Nachbarschaft aber auch der Rest des Ortes litt unter diesen Zuständen.

Letztlich, nachdem sich deutlich öffentlicher Protest artikuliert hat, sind die Protagonisten dann auch ins Visier der Staatsgewalt geraten, der Hauptdrahtzieher ist Ende 2012 wegen 44 verschiedener Delikte unter anderen Waffenbesitz, Drogenhandel und Volksverhetzung für 6 Jahre hinter Gitter gewandert, der Rest ist auf Tauchstation, das Gehöft verkauft.

Übrigens eine Parallele zu meiner Heimatstadt Butzbach, in der sich vor gut 10 Jahren ebenfalls junge Rechtsradikale niedergelassen haben und sogar eine Periode einen Sitz in der Stadtverordnetenversammlung hatten. Auch dort, so glaube ich, war es das überparteiliche Engagement vieler, die der Truppe klar gemacht haben, dass wir in unserer Stadt keinen Platz haben für Rassismus und Intoleranz. Der bekennende Neonazi samt Anhang ist dann ebenfalls schnell wieder weggezogen, nach diversen Zwangspausen in Strafanstalten, übrigens nach Ostdeutschland.

Aber das Grundproblem ist damit weder in Butzbach noch in Echzell, noch anderswo wirklich erledigt. Wie geht man damit um, das solche Menschen sogar bei einer Kommunalwahl genügend Stimmen für einen Sitz im Parlament bekommen. Wie geht man damit um, dass in immer noch zu vielen Köpfen Unwissen, Angst, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz eine so gefährliche Mischung ergeben.

Einige Aktive in Echzell haben offensichtlich auch sehr schnell gemerkt, das sich diese Problematik nicht in diesem einzelnen Vorgang in einem Ortsteil erschöpft, sondern, wenn man langfristig etwas dagegen tun will und auch damit Erfolg haben will, über die Ortsgrenzen hinaus aktiv werden muss und auch nach anderen Wegen suchen muss, die Menschen zu erreichen.

Das ist der eigentliche Grund warum wir ausgerechnet die „Grätsche“ hier ehren wollen, denn dafür wurde sie als eingetragener Verein mit Frau Bickerle an der Spitze im Oktober 2010 gegründet. Und sie hat sie dieses Anliegen seit Ihrem Bestehen mit Fantasie und Geschick umgesetzt.

Beispielgebend möchte ich hier erwähnen, die Aktion „Vereint Zeichen setzen“ mit der die „Grätsche“ im Verbund mit dem Sportkreis Wetterau, dem Musikzug Blofeld, dem SV Echzell, dem Tennisclub Florstadt Dem TV Gettenau und der SG Stammheim das bisher wohl größte und eindrucksvollste Zeichen für Demokratie und Toleranz in der Wetterau mit weit über 1000 Teilnehmern am 15.06.2013 organisiert hat.

Nur die Insider wissen, dass für so ein Projekt ein Vorlauf von etlichen Monaten nötig war, um die finanziellen, rechtlichen und organisatorischen Dinge ins Laufen zu bringen. Auch hierzu nochmals meinen herzlichen Glückwunsch. Ebenso ungewöhnlich ist die Präsenz eines solchen Vereins auf der Buchmesse in Frankfurt, wie gerade im Oktober geschehen. Nicht um sich selbst herauszustellen, sondern um, in Kooperation mit der Initiative „Respekt, kein Platz für Rassismus“ und anderen, das gemeinsame Anliegen einer möglichst großen Öffentlichkeit nahezubringen. Überhaupt erscheint mir als Stärke der „Grätsche“, dass sie mit den anderen Initiativen und Verbänden recht gut vernetzt ist etwa mit dem lokalen Aktionsplan BunterLeben oder dem Beratungsnetzwerk Hessen. Das gibt Ihr eine Reichweite die deutlich über die lokalen Grenzen hinausgeht. Auch die Vereinshomepage ist hier als aktuell und vorbildlich zu erwähnen und dient genau diesem Ziel. Sie ist bunt, sie ist informativ und vor allem nicht oberlehrerhaft und nicht trocken, wie einem solche Dinge beim besten Willen leider nur zu oft geraten.  Kurzum: die „Grätsche“ hat in dieser kurzen Zeit sehr viel zur Förderung des demokratischen Bewusstseins, wie es der Vereinnahme ja ausdrückt, beigetragen. Ich halte insbesondere den Kontakt mit den anderen Vereinen, gerade den Sportvereinen, die in unserer sich schnell wandelnden Gesellschaft noch am ehesten als Ansprechpartner für die heranwachsende Generation fungieren, für extrem wichtig. Ich freue mich sehr dass ganz viele Wetterauer Sportvereine, aber auch kulturschaffende Vereine oder die Feuerwehren, diese Aufgabe der demokratischen Erziehung und der Förderung des Gemeinsinns unserer jungen Menschen auch zunehmend erkennen und annehmen. Das ist wiederum auch ein Verdienst dieses Vereins, er hat dabei in den letzten Jahren eine hervorragende beratende, aufklärende und organisatorische Rolle gespielt. Ich wünsche Ihren Aktiven und insbesondere dem Vorstand, jetzt mit Manfred Linss an der Spitze, die Geduld und Ausdauer die es am Ende immer braucht, wenn man langfristig Erfolg haben will.

Herzlichen Glückwunsch zur Ehrung.

Dr. Matthias Görlach

 

 

 

 

 

 
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